
Ich habe es lange nicht Wahrhaben wollen, aber mein Arbeitsplatz ist eine Kuchenzone. Jeden Tag steht ein anderer Kuchen in einer Schachtel auf einem Tablett oder in einer Transportdose bereit. Es ist nicht zu glauben, wo kommen all diese Kuchen her?
Es ist als wäre das Büro der Scheitelpunkt zu einer Kuchendimension und genau an dieser Stelle tut sich nun regelmäßig ein Riss auf und ein Kuchen fällt hindurch, in unsere Welt. Anders ist das nicht zu erklären.
Ich habe lange geglaubt irgendjemand müsse den Kuchen doch mitbringen, heimlich hineinschmuggeln und täglich dort abstellen. Ein geheimnisvoller Konditor. Unbemerkt und Unsichtbar.
Auch sind die Frauen in meinem Büro, verdächtig, unentwegt auf der suche nach Tupperdosen und durchforsten in Rudeln die Gänge und Flure nach den dazugehörigen blauen und gelben und grünen Deckeln. Dann rufen sie, sich in scharen über die Teppiche schlängelnd in die Büroräume hinein. „Hier ist nur rot“ schalt es dann aus den Büros zurück und sie ziehen weiter, kriechen unter Tische und Lucken aus Kabelschächten hervor und tauchen unter Schreibtischstühlen auf.
Das Problem welches sich nun natürlich ergibt sieht folgendermaßen aus: der Kuchen muss gegessen werden, das ist klar. Wenn wir nicht alle in einem Büro voller Kuchen enden wollen, der langsam vor sich hin schimmelt, müssen wir essen, unablässig jeden Tag, immer fort. Wir, Meint mich, denn die Frauen in meinem Büro sind immerfort und ausschließlich auf Diät, sie können es nicht sein, schließlich essen sie nichts davon. Nie!
wenn sie Kuchen essen müssen sie sterben.
Also esse ich den Kuchen, so bin ich. Ein Held der alle retten muss. Wenn ich auch nur einen Tag aus lasse gerät das Gleichgewicht gefährlich ins wanken. Dann fällt der neue Kuchen auf den vom Vortag, eine Kettenreaktion sondergleichen. Wenn ich Krank werde ist alle aus, dann brauche ich nicht wiederkommen, das Büro wird fort sein. Nicht auszudenken. Es wird sich in eine riesige Kuchenform verwandelt haben, mit einer Tür an jeder Seite, gefüllt mit klebriger Süße. Keiner wird mehr an seinen Schreibtisch oder an ein schnödes fax gelangen können und die Telefone werden von Zeit zu Zeit leise scheppern, wie die Uhr im bauch des Krokodils in James Matthew Barrie’s Peter Pan.
Aber wissen Sie was, ich habe keine Lust mehr,
Es kommt mir schon aus den Ohren raus. Jeden Tag dieses süße Gelumpe. Gestern war es ein Pflaumenkuchen mit Zuckerstreuseln und davor ein Nusskuchen und davor eine Sahnetorte mit Pfirsichstücken in cremigem Weiß. Ich erinnere mich noch unter schmerzen an den Schokoladenkuchen, mit Schokoladenstücken und Schokoladenraspeln oben drauf.
Heute ist es ein Zitronenkranz und schon als ich Ihn sehe hab ich Lust ihn aus dem Fenster zu schmeißen. Warum ich das nicht tue? ich kann es nicht. Ich kann kein essen verschwenden, ich kann nichts wegwerfen oder stehen lassen. ich muss alles essen, bevor es schlecht wird oder Kalt oder sonnst was. Aber wegschmeißen das geht nicht. Niemals!
Solange essen auf dem Tisch steht, esse ich. Von Bauchweh geplakt.
Das haben mir meine Eltern auf der Farm eingebrogt.
Noch heute werden überall auf der Welt Kinder mit dem verfehlten Spruch „in Afrika hungern die Kinder“ zum aufessen genötigt. Was die Kinder in Afrika davon haben wenn ich essen muss, bleibt bis heute offen. Wahrscheinlich können sie dann nicht mehr Dicke Europäer auf Safari bestaunen.
Ich frage mich, ob es in Afrika den Spruch gibt. „In Europa werden die Kinder Dick und Faul und leichte Beute“
Aber einmal in diesem Verhaltensmuster gefangen, ist es schwer sich davon zu befreien.
Und so esse ich Kuchen um Kuchen, jeden Tag, bis das alles irgendwann aufhört und ich muss wehmütig an den dicksten Mann der Welt denken.
Der Mexikaner Manuel Uribe hat es mit 570 kg gar stolz ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Ich frage mich, ob das auch am Kuchen lag...?
Ich zumindest hole auf, jeden Tag mit jedem Stück und ich bin erleichtert, dass ich als Superheld einen Stretchanzug tragen darf.
Dabei fällt mir ein, dass das Guinness-Buch der Rekorde selbst einen fragwürdigen Rekord hält. Kein anderes Buch der Welt wird so oft aus Bibliotheken gestohlen.
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